Geschichte der Liboriuskapelle

Als 1499 vor den Toren der befestigten Stadt Creuzburg am jenseitigen Kopf der Werrabrücke die ehemals hölzerne Kapelle durch einen Sakralbau aus Stein ersetzt wurde, war Creuzburg als frühbürgerliches Gemeinwesen - die Verleihung des Stadtrechtes erfolgte 1213 unter Landgraf Hermann I. - bereits Ausgangspunkt und Ziel eines unter monetären Aspekten organisierten Wallfahrtsortes.

So wurde auf Empfehlung der geistlichen und weltlichen Herrschaft über das Amt Creuzburg 1498 der Beschluss zum Neubau einer Kirche aus Stein bereits ein Jahr später ausgeführt. Planung und Bauleitung wurden, der Überlieferung zufolge, an einen von der Wanderschaft zurückgekehrten Creuzburger Maurergesellen übergeben.
Der Baubeginn ist inschriftlich bezeugt;
die steinerne Tafel über dem Hauptportal vermerkt in lateinischen Lettern und dem christlichen Kalender folgend Jahr und Tag der Grundsteinlegung:

"Zum Jahre 1499 am 5. Sonntag nach dem Festen / des heiligen Bartholomäus wurde dieser Bau / begonnen."

Die Kapelle trägt den Namen des 397 gestorbenen Liborius, der als Freund Martins von Tours und Bischof von LeMans im 4. Jahrhundert maßgeblich die Verbreitung des Christentums in Gallien unterstützte und heiliggesprochen wurde. Sein Name bedeutet in der Übersetzung "Der Gott Geopferte" oder "Feierlicher Sprecher". Rund 500 Jahre nach seinem Tod überließ Bischof Aldrich von LeMans den Leichnam dieses Heiligen dem Paderborner Bischof Badurad. Liborius wurde damit Patron des neu gegründeten Paderborner Bistums. Weil er in den Armen seines Freundes Martin von Tours starb, gilt er bis heute als Patron für einen guten Tod.

Die ostwestfälische Landschaft mit ihrem stark kalkhaltigen Wasser ließ ihn seit dem 13. Jahrhundert zum Helfer bei so genannten Steinleiden werden; in den wenigen überlieferten künstlerischen Zeugnissen ist er mit jenen Attributen - fünf Steine auf der Heiligen Schrift - dargestellt.

Die spätgotische Kapelle, infolge der topographischen Gegebenheiten nach Nordosten ausgerichtet und in sorgfältig oberflächenbearbeitetem, fast fugenlos gesetztem Quadermauerwerk aufgeführt, zeigt einen einschiffigen, gewölbten Innenraum.
Das Netzrippengewölbe ruht auf schlanken Diensten. Im Nordosten öffnen sich, dem 5/8 - Schluss des Chores folgend, drei hohe, mit spätgotischem Maßwerk verzierte Fenster.

Tektonik und Proportionen des Kirchenbaues, hier insbesondere das ausgewogene Verhältnis von Gebäudehöhe und - tiefe, lassen die Kenntnis deutscher, italienischer und französischer Vorbilder der Zeit vermuten:
Der polygonale Abschluss zitiert den hochgotischen Kapellenkranz der Kathedralen ebenso, wie das maßliche Verhältnis von Höhe zu Breite des Kirchenschiffs.

30er Jahre des 20. Jahrhunderts

In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts wurden an der Kapelle Wandmalereien entdeckt, deren programmatischer Reichtum und deren Vielfalt in der Darstellung in Mitteldeutschland beispiellos geblieben sind. Als Künstler wird Conrad Stebel aus Rotenburg / Fulda (?) angenommen, der sein Signum selbstbewusst an einem Schlussstein im Kapelleninneren hinterließ. Alle Wände des Innenraumes sind mit insgesamt 44 großformatigen Wandbildern geschmückt.

Sie zeigen in der Gegenüberstellung Szenen aus der Passion Christi und dem Leben der 1237 heilig gesprochenen Elisabeth von Thüringen. In Formensprache und Stilistik blieb der Künstler den hochmittelalterlichen Traditionen der Buchmalerei verhaftet;
Programmatik und Monumentalität jedoch, wie auch das Thema selbst - die Darstellung des Lebens einer karitativ tätigen Landgräfin, die aus ihrem Leben ausbricht, um sich der Pflege von Kranken und Bedürftigen der untersten sozialen Schicht zu widmen - blieb im mitteldeutschen Kunstraum einmalig.

Die Liboriuskapelle wurde 1945 im Gefolge der Brückensprengung während des Vormarsches durch die US-amerikanische Armee schwer beschädigt.

In der Nachkriegszeit

Erst 1955 konnten mit Hilfe staatlicher Unterstützung (durch die so genannte Otto-Nuschke-Spende) der Kirchenbau statisch gesichert und der Dachstuhl neu aufgeschlagen werden. Sanierungsarbeiten und konservatorische Maßnahmen an den Wandmalereien erfolgten seit 1955, zuletzt in den Jahren ab 1979 sowie 2001.

Da dieses Bauwerk jedoch jahrelang in beschädigtem Zustand den Witterungsverhältnissen ausgesetzt war und darüber hinaus das Mauerwerk durch aufsteigendes, salzhaltiges Werrawasser stark beeinträchtigt wurde, reichen diese Einzelmaßnahmen zur dauerhaften Sicherung nicht aus.

Deshalb bemühen sich Staat und Kirche gemeinsam um die grundhafte Sanierung der Liboriuskapelle; vorbereitend wurden die notwendigen Grundlagen mit statischkonstruktivem, steinkonservatorischem und restauratorischem Konzept entwickelt.